Was für ein Glück?! – Elternhaus-Auflösen gemeinsam mit den Eltern

Das Klischee sagt: Welch ein Glück, das eigene Elternhaus zusammen mit den Eltern aufzulösen! Tatsächlich fühlte es sich am Anfang auch genau danach an: Ich habe Glück. Aber das Gefühl blieb nicht. Was mir stattdessen deutlich wurde? Fünf Empfehlungen einer ,Kriegs-Enkelin’.

Die Euphorie des Anfangs

Natürlich werde ich meinen Eltern helfen. Ich fühle mich gut gewappnet. Wir können gut planen und organisieren, meine Schwester und ich. Das Verhältnis zwischen uns und unseren Eltern ist gut. Was also soll schon schiefgehen?

Immer wieder sitzen wir zusammen am großen Esstisch und schwelgen beim Anblick von Büchern, Fotos und alten Briefen in Erinnerungen. Wir lachen zusammen und wischen uns manchmal heimlich eine Träne aus dem Auge. Häufig fahre ich zufrieden nach Hause – viel geschafft heute! Aber es gibt auch andere Tage. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr löst sich mein Glücksgefühl in Luft auf. Die Arbeit scheint immer mehr – statt weniger – zu werden. Meine Schwester und beschließen: Wir teilen uns das auf – einen Tag sie, den anderen ich.

Das Auf und Ab mittendrin

An den Tagen, an denen ich vor Ort bin, hadere ich bald damit, meine Eltern jeden zweiten Tag darin bestärken zu müssen, das eigene Zuhause Stück für Stück auseinander zu reißen. Immer wieder verzweifle ich daran, schon nach zehn Minuten festzustellen, dass wir auch heute wieder kaum vorankommen werden.

Es tut mir in der Seele weh, zu sehen, wie die beiden vom Entscheiden über Was-auch-immer schon nach kurzer Zeit vollkommen erledigt sind. Richtig wütend werde ich, als meine Eltern mir fast jedesmal erklären, sie wollten heute sowieso nichts tun, weil es ihnen eh alles zu viel sei. Wofür bin ich denn dann überhaupt gekommen?!

Die Beobachtung währenddessen

Schnell spüre ich: Diese Aufgabe verändert meine Eltern massiv. Oder besser: Eigene, lang zurückliegende Erfahrungen übernehmen die Regie über ihr Handeln, ohne dass ihnen das bewusst wird.

Die Gräuel des zweiten Weltkriegs haben meine Eltern als Kinder erlebt. Schnell und gründlich hatten sie damals gelernt zu schweigen. Für Angst, Trauer und Wehmut war keine Zeit gewesen. Die überstürzte Flucht aus dem geliebten Zuhause nur mit dem Allernötigsten. Der Verlust von Verwandten und Freunden – das Leben machte sie zu dem, was heute unter dem Begriff ‚Kriegskinder‘ bekannt ist. Als junge Erwachsene (sie sind seit Jugendtagen ein Paar) dann noch eine Flucht, diesmal von Ost nach West – auch hier wieder nur mit dem Nötigsten.

Und jetzt fast sechzig Jahre später?

Wie ein Mantra bestätigen die beiden immer wieder allen Freunden, der Familie und sich selbst gegenüber: Es nützt ja nichts, wir kommen nicht mehr klar, wir müssen das Haus aufgeben. Die Vernunft findet viele Worte, aber über ihre Gefühle in dieser Situation auch offen zu sprechen? Unendlich schwer, fast immer unmöglich. Und als ihre Tochter, die ‚Kriegsenkelin‘, spüre ich betroffen, dass es mir kein bisschen besser geht.

Wir bauen uns Brücken mit beiläufigen Berührungen und stillen Umarmungen. Mit trockenen Bemerkungen bringen wir uns gegenseitig wieder zum Lachen, so dass wir nicht weinen müssen. Ihnen und mir hilft das dabei, weitermachen zu können. Auch wenn schon lange eigentlich alles viel zu anstrengend ist. Unseren Gefühlen geben wir bis zum Schluss nicht wirklich Raum, wenn wir zusammen sind. ‘Kriegskinder’ und ‘Kriegsenkel’: Wir kommen gut klar miteinander …

Das Fazit

Tatsächlich ging damals nichts schief. Zusammen haben meine Schwester, meine Eltern und ich über dreißig Jahre Leben auf 240 Quadratmetern aufgelöst. Und wir waren froh, als wir es trotz allem irgendwie geschafft hatten, ja. Aber deshalb rückblickend: Glück? Eher nicht.

Meine Eltern haben das ganze Thema meinem Gefühl nach ziemlich gut ‘über die Bühne gebracht’. Über ihre Trauer und ihren Schmerz dabei haben sie nur selten gesprochen. Meine Schwester und ich haben beides dennoch gespürt. Aber auch wir als Kriegs-Enkelinnen mussten danach erst unseren eigenen Weg finden, damit umzugehen.

  

Meine Empfehlungen für Dich

  • Bevor Ihr zusammen im Haus anfangt: Mach Dir klar, aus welcher Generation Deine Eltern stammen. Vielleicht haben sie ähnliche – oder auch ganz andere, aber ebenso bedeutsame – Erfahrungen ‚im Gepäck‘ wie meine Eltern. Der behutsame und einfühlsame Umgang mit ihren Gefühlen ist vielleicht auch für Deine Eltern bei diesem Thema der Dreh- und Angelpunkt, damit Ihr gemeinsam diese Aufgabe gut miteinander bewältigt.
  • Zum Thema ‚Kriegskinder‘ / ‚Kriegsenkel‘ gibt es inzwischen viele sehr gute Bücher. Das Wissen darüber kann für Dich hilfreich sein, wenn Du plötzlich während des Räumens Verhaltensweisen Deiner Eltern erlebst, die Du bisher gar nicht kanntest. Diese Verhaltensweisen bringen Dich vielleicht dazu, Dich so über Deine Eltern aufzuregen, wie Du das noch nie getan hast. Statt mit ihnen dann engagiert zu dieskutieren: Zeige Verstädnis, auch wenn es richtig schwer fällt. Deine Eltern waren vielleicht als Kinder oder Jugendliche schon einmal in einer ähnlich existentiellen Situation und reagieren unbewusst auf dieses Ereignis statt auf das, was jetzt gerade anliegt.
  • Bereite Dich darauf vor, behutsam, aber bestimmt Führung gegenüber Deinen Eltern zu übernehmen. Selbst Eltern, die sich jahrzehntelang jede ‚Einmischung‘ von Dir empört verbeten haben, können in dieser besonderen Situation unsicher werden. Sie brauchen dann Halt oder sogar Anleitung durch Dich. Nimm diese Rolle an, auch wenn es Dir schwerfällt. Es hilft ihnen, nützt der Sache und ermöglicht es Dir und ihnen, besser vorankommen.
  • Richte Dich darauf ein, dass entscheidende Dinge plötzlich anders laufen als Du das mit Deinen Eltern gewohnt bist. Dein normaler Lebensrhythmus, Deine Routine, Dein übliches Tempo, mit dem Du bisher Deinen Eltern gegenüber Dinge geregelt hast, sowie Dein Wissen darüber ‚wie Deine Eltern ticken‘ funktionieren nicht mehr uneingeschränkt so wie bisher. Das fühlt sich mehr als merkwürdig an. Auch wenn es Dich nervt: Fange an, Geduld und unendlichen Langmut zu entwickeln, egal wie fremd Dir das zunächst auch vorkommen mag.
  • Nimm Dir viel Zeit für die ganze Aktion und zwar mehr, als Du zu brauchen glaubst. Elternhaus auflösen zusammen mit Vater und/oder Mutter ist sehr häufig eine sehr langsame Angelegenheit. Nur die wenigsten Väter und/oder Mütter sind wirklich resolut, sortieren zügig und entschlossen aus und trennen sich ohne Wehmut von dem Großteil ihres bisherigen Besitzes. Wenn Du allerdings genau solche Eltern hast: Genieße es (und achte darauf, dass sie nicht ohne zu zögern und mal eben ‘nebenbei’ zum Beispiel Deinen alten Lieblingsteddy entsorgen, den Du doch unbedingt als Erinnerungsstück behalten wolltest ;-)).

(Foto: istockphoto.com/de/foto/alles-ist-ok-gm494181905-40975326)

 

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