Die alte Decke hatte immer auf dem Sofa gelegen. Längst war sie nicht mehr schön, der Stoff verblichen und dünn geworden, die Ränder ausgefranst.

„Warum wirfst du das olle Ding nicht endlich weg?“, hatte die Tochter ihre Mutter immer wieder gefragt. „Du hast doch noch zwei andere, die viel schöner sind.“

Aber die Mutter hatte nur gelächelt und die Decke glattgestrichen. „Ach, die hab ich doch von Papa, die ist doch noch gut.“

Einige Wochen nach dem Tod der Mutter begann die Tochter, die Wohnung aufzulösen. Ihr Blick fiel auf die Decke, und sofort kamen ihr die Tränen. Diese Decke, die die Mutter so geliebt hatte, konnte sie jetzt unmöglich wegwerfen.

Wenn Dinge plötzlich ihren Wert verändern

Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt:

Wie oft haben Sie mit Ihren Eltern diskutiert, das schreckliche  … oder die kaputte … endlich zu entsorgen! Aber nun ist alles anders. Die Eltern sind im Heim oder verstorben, und Sie könnten diese Dinge ohne Widerspruch entsorgen. Doch plötzlich erscheinen sie Ihnen ungemein wertvoll und viel zu schade zum Wegwerfen.

Dieses Phänomen ist kein persönliches Versagen – es ist ein gut untersuchtes psychologisches Phänomen. Der sogenannte Besitztumseffekt (engl. Endowment-Effekt) beschreibt eine einfache Beobachtung: Menschen schätzen den Wert von Dingen höher, sobald sie ihnen gehören oder sie eine besondere emotionale Bindung dazu haben.

Mit Besitz verbinden sich Gefühle von Kontrolle, Identität und Sicherheit. Sobald etwas ‚unser‘ ist, entsteht unbewusst ein emotionaler Aufschlag auf seinen Wert. Und beim Auflösen eines Elternhauses kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: die persönlichen Erinnerungen.

Viele Gegenstände, die Ihnen beim Auflösen Ihres Elternhauses in die Hände fallen, lassen Sie Momente aus dem gemeinsamen Leben mit den Eltern noch einmal spüren. Die besondere Situation, in der Sie gerade sind, verstärkt den Besitztumseffekt. Dinge werden zu Stellvertretern für Erinnerungen und Beziehungen. Und Entscheidungen über deren Verbleib, die vor kurzem noch einfach erschienen, werden plötzlich sehr schwer oder scheinen unmöglich.

Der Besitztumseffekt im Elternhaus

Vielleicht bemerken Sie diesen Effekt auch bei sich selbst  – z. B. daran, dass Sie:

  • Gegenstände „vorsichtshalber“ behalten,
  • Entscheidungen immer wieder verschieben,
  • Kartons mit „Vielleicht-Dingen“ stapeln,
  • mehr Dinge zu sich nach Hause mitnehmen, als Sie ursprünglich geplant hatten.

Vier Tipps, um damit klarzukommen:

  1. Etwas Abstand hilft. Mit dem Besitztumseffekt verstehen Sie, warum Ihnen einige Entscheidungen so schwerfallen. Manchmal hilft eine einfache Frage: Würde ich diesen Gegenstand heute kaufen? Wenn die Antwort klar „Nein“ lautet, entsteht oft ein erster Abstand. Dieser hilft Ihnen, den Gegenstand mit der Zeit anders zu betrachten. Überlegen Sie sich,  ob Sie ihn wirklich für die nächsten Jahre in Ihrer Wohnung oder dem eigenen Keller haben wollen.
  2. Klären Sie, was genau Sie eigentlich bewahren möchten. Geht es Ihnen tatsächlich um bestimmte Gegenstände, auch wenn Sie keine bestimmte Erinnerung damit verbinden? Oder befürchten Sie, dass Sie durch das Weggeben der Dinge auch Ihre Erinnerungen verlieren? Wenn es Ihnen um das ‚Absichern‘ von Erinnerungen geht: Prüfen Sie, ob Ihnen nicht auch Fotos der Gegenstände reichen würden. Vielleicht mögen Sie auch deren Geschichte aufschreiben und gestalten anschließend aus Texten und Fotos ein persönliches Erinnerungsbuch.
  3. Wählen Sie nicht nur aus, sondern lassen Sie sich auch von Ihren Erinnerungsstücken finden. Die Dinge der Eltern halten Überraschungen bereit. Sie wussten schon lange, was Sie „dann gerne einmal hätten“. Jetzt, wo Sie es bekommen können, ist es Ihnen vielleicht mit einem Mal nicht mehr so wichtig. Dafür rücken plötzlich andere, vorher unwichtige Dinge in Ihren Blick. Lassen Sie sich davon leiten und kommen Sie den Geschichten auf die Spur, die diese bisher übersehenen Stücke für Sie bereithalten. Manchmal verkörpern gerade diese die tatsächlich bedeutsamen Erinnerungen.
  4. Stellen Sie sich darauf ein, dass vieles für Andere keinen Wert mehr hat. Der große Orientteppich, das gute Geschirr, der Pelzmantel oder die über Jahrzehnte aufgebaute Bibliothek: Vieles von dem, was die Eltern einst liebevoll gepflegt haben, ist heute nichts mehr wert. In den Sozialkaufhäusern stapeln sich diese Dinge, oder man nimmt sie gar nicht mehr an. Vielleicht haben Sie Ideen, was Sie daraus machen können. Viele Bücher zum Thema „Upcycling“ liefern hier gute Ideen. Aber manchmal, so bitter es ist, bleibt Ihnen nur übrig, sie dem Entrümpler oder dem örtlichen Wertstoffhof zu überlassen. Auch hier gilt: Machen Sie Fotos von den Dingen, bevor Sie sich von ihnen trennen. Vielleicht schätzen Sie später diese Bilder als wertvolle Erinnerungshilfe.

***

Eines allerdings kann der Endowment-Effekt nicht ändern: Ihre Erinnerungen bleiben Ihnen. Egal, was mit den Dingen geschieht. Seien Sie mutig und trennen Sie sich von Dingen, auch wenn es weh tut. Sie werden merken, dass die Erinnerungen nicht verschwinden, nur weil die Dinge nicht mehr da sind. Diese Erfahrung kann tröstlich sein und Ihnen den Verlust des geliebten Menschen und Ihres Elternhauses vielleicht etwas erleichtern.

Foto: aok.de